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Restaurierung 2001...06
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Zur Restaurierung der Hesse-Orgel
Es ist ganz erstaunlich, in einer so kleinen Kirche ein derart großes
Instrument anzutreffen. In anderen Regionen Deutschlands hätte sich ein
Dorf von der Größe Wahlwinkels kaum mehr als ein einmanualiges Instrument
mit 10 bis 12 Registern geleistet! Man kann heute nur noch erahnen, welch
hohen Stellenwert die Kirchenmusik damals im Gothaischen Lande hatte,
immerhin gehörte dieser Landstrich nicht unbedingt zu den reichsten
Gegenden. Natürlich war eine große und schöne Orgel auch ein
Prestigeobjekt gegenüber den Nachbardörfern, doch ohne eine entsprechende
Wertschätzung der Instrumente hätten man sich zum Repräsentieren gewiß
etwas anderes ausgesucht, als gerade die Orgel.
Das Besondere an dem Instrument ist aber nicht nur die ungewöhnlich hohe
Zahl der Register.
Es wurde von der in jener Zeit besten Werkstatt unserer Region gefertigt.
Der gute Ruf der Hesses aus Dachwig reichte weit über Thüringen hinaus,
die Qualität der Instrumente wurde in mehreren zeitgenössischen
Veröffentlichungen hoch gerühmt.
In vier Generationen war diese Familie von der Mitte des 18. bis zur Mitte
des 19. Jhd. tätig.
Während der Stammvater Johann Michael Hesse (1734 - 1810) wohl noch
ausschließlich regional tätig war und maximal Orgeln mittlerer Größe
fertigte, lieferte sein Enkel Ernst Siegfried u.a. auch eine Orgel mit 57
Registern für den Erfurter Dom und eine nur wenig kleinere nach Riga. Ein
weiteres größeres Werk ging nach Korbach in Hessen.
Zunächst übernahm aber sein Sohn Ernst Ludwig (geb. 1768) und nach dessen
Tod im Jahre 1823 dessen 16 Jahre jüngerer Bruder Georg Andreas (geb.1784)
die Firma. Ernst Siegfried war der nur 5 Jahre jüngere Neffe von Georg
Andreas, der nur wenig später selbst geschäftlich tätig wurde. Zu
Bedeutung gelangte auch noch der erst 1806 geborene jüngere Bruder von
Ernst Siegfried, der wie der Stammvater Johann Michael hieß.
Letzter Orgelbauer der Familie war der 1830 geborene Julius Hesse, Sohn
von E. Siegfried.
Er hatte wohl nicht das richtige Geschick zu diesem Beruf , nachdem er
sich mit dem Umbau der Wender - Orgel der Bachkirche Arnstadt übernommen
hatte, heißt es, wäre er 1865 nach Rußland geflüchtet.
Leider ist diese Orgelbauerfamilie bislang weder in der Öffentlichkeit,
noch in der heutigen Fachliteratur gewürdigt worden. Dazu trug sicher bei,
daß die meisten Werke, die mittlerweile 150-200 Jahre zuverlässig ihren
Dienst taten, in einem bedauerlichen Zustand und kaum oder gar nicht mehr
spielbar sind. Ein erster Lichtblick sind somit die Restaurierungen in
Seebergen und Wahlwinkel, die diese hervorragenden Werke wieder hörbar
machen.
Auch die Orgel in Wahlwinkel war vor Beginn der Arbeiten nicht mehr
spielbar. Immerhin hatte sie seit 1829 ihren Dienst getan. Während die
meisten anderen Instrumente nach spätestens hundert Jahren grundlegend
überholt werden mußten, war diese Orgel bis zu Anfang der 90er Jahre noch
spielbar, wenn auch zuletzt mit starken Einschränkungen. Diese extreme
Langlebigkeit der Hesse - Orgeln ist meist nicht beachtet worden, der
zuletzt schlechte Zustand hat eher dazu geführt, daß der Name der Erbauer
heute fast in Vergessenheit geraten war.
Der gediegene Prospekt mit seinen 16 Feldern wirkt in der kleinen Kirche
geradezu beherrschend und weist die typischen Merkmale vieler Hesse-
Orgeln jener Zeit auf:
das Simswerk hat noch barocke Dimensionen, dafür wurde auf Schleier völlig
verzichtet.
Charakteristisch sind auch die geschwungenen Simse. Das Gehäuse ist, wie
ursprünglich bei vielen Orgeln dieses Typs, naturbelassen und nur mit
einem Firnis versiegelt.
Eigentlich müßte das Gehäuse zu dieser Zeit klassizistische Züge tragen.
In der Tat gibt es auch solche Gehäuse aus der dachwiger Werkstatt.
Vielfach scheint aber doch der Wunsch nach einer traditionellen Bauweise
bestanden zu haben.
Es kann als ein besonderer Glücksumstand gelten, daß dieses Instrument in
seiner Substanz nie verändert wurde. Wie bei fast allen Orgeln fielen
jedoch die großen Prospektpfeifen dem ersten Weltkrieg zum Opfer und
wurden nach 1917 durch Zinkpfeifen ersetzt.
Geändert wurde auch die Stimmtonhöhe der Orgel durch seitliche
Verschiebung der Klaviaturen und entsprechendes Umhängen der Traktur. Zu
Beginn des 19. Jhd. lag nämlich der Stimmton ca. einen ganzen Ton höher,
als bei der heute festgelegten Tonhöhe von 440 Hz für den Ton a'. Diese
Verschiebung stellte einen relativ kleinen Eingriff dar, schwerer wog das
zusätzliche Abschneiden der Pfeifen um einen weiteren halben Ton. Um die
originalen Verhältnisse wieder herzustellen mußten somit alle Pfeifen
durch Anlöten entsprechend verlängert werden.
Ursprünglich dienten zwei große Spanbälge auf dem Kirchenboden zur
Windversorgung. Der
Calcant (Bälgetreter) hatte zwei Steigbügeltritte hinter der Orgel zu
bedienen. Diese Anlage ist auch noch vorhanden (zumindest die
Einzelteile), jedoch außer Betrieb. Später, möglicherweise in Zusammenhang
mit der Veränderung der Tonhöhe der Orgel, stellte man einen kleinen
Doppelfaltenmagazinbalg mit Schöpfer auf die zweite Empore in einen
Verschlag neben die Orgel. Die Bälge auf dem Dachboden liegen äußerst
beengt und bringen durch das Ansaugen der Außenluft klimatische Problem
mit sich. Deshalb wurde von uns diese Anlage nicht wieder in Betrieb
genommen, sie sollte jedoch auch weiterhin als Denkmal erhalten bleiben.
Der historisch nicht so bedeutsame Magazinbalg wurde von uns völlig neu
beledert und im Interesse der besseren Zugänglichkeit und Funktion etwas
verändert angeordnet. Ein neues, geräuscharmes Elektrogebläse wurde in der
Nähe des Balges in einen
schalldämmenden Schutzkasten eingebaut.
Nach dem letzten Eingriff, bei dem die Tonhöhe geändert wurde, waren keine
grundlegenden
Instand- haltungsmaßnahmen mehr erfolgten. Zwischenzeitlich sind Leder
gealtert, Drähte
oxydiert und eine beträchtliche Zahl Pfeifen aus der Orgel geraubt oder
verdorben worden
Immerhin sind dem Instrument dadurch auch Umdisponierungen und der Einbau
artfremder
Materialien erspart geblieben, was in zahllosen anderen Orgeln zu
erheblichen Verlusten an
historischer Substanz geführt hat.
Die Klaviaturen wurden im Zuge der Herstellung der originalen Tonhöhe
jetzt wieder zurückgesetzt. Stark ausgespielte Tastenbeläge haben wir
ausgewechselt, Führungen nachgearbeitet, korrodierte Metallteile
gewechselt und die Oberflächenversiegelung des Holzes aufgefrischt.
Die Windladen, auf denen die Pfeifen stehen, sind quasi das Herzstück
einer jeden Orgel.
Deren Bauweise stellt eine technische Besonderheit dar. Die hier
verwendete aufwendige Bauform mit abgewinkelten Kanzellen wurde nur bei
ganz wenigen Instrumenten erprobt. Die Tonventile sind nicht wie üblich
unter den Kanzellen angeordnet, sondern letztere sind nach unten
abgewinkelt und die Ventile hängend befestigt. Geöffnet werden sie durch
Stecher, die ohne besondere Pulpeten durch die Kanzelle führen.
Sinn dieser Einrichtung ist neben einer guten Zugänglichkeit zu den
Ventilen die Verhinderung des Ansammeln von Dreck und dadurch bedingter
Heuler. Als zu aufwendig wurde diese Bauform jedoch nicht lange gepflegt.
Die Restaurierung der Windladen war ein ganz wesentlicher Teil unserer
Arbeit. Der Korpus besteht aus Eichenholz, welches konstruktionsbedingt
bei alten Laden fast immer reißt und damit zu Windverlust führt. Nach dem
Ausspänen der Risse mußten alle Belederungen und die Drahtteile erneuert
werden.
Großen Aufwand erforderte auch das Pfeifenwerk. Wie schon erwähnt, mußten
alle Pfeifen anglängt werden, weiterhin waren zahlreiche Einzelpfeifen zu
ergänzen, die zum Teil entwendet oder aber so verdorben waren, daß sie
sich nicht wieder herstellen ließen.
Der letzt Arbeitsabschnitt ist die Stimmung und Intonation der Orgel,
wobei die Tonhöhe und der Klang jeder einzelnen Pfeife genau eingerichtet
werden muß.
Die Orgel der Kirche zu Wahlwinkel zählt durchaus zu den bedeutenden
Orgeln des Thüringer Raumes, was nach der Restaurierung nun erst wieder
nachvollziehbar wird. Möge sie durch eine gute Pflege und regelmäßigen
Gebrauch auch weiterhin für lange Zeit dem Lobe Gottes dienen und von den
großen handwerklichen und musikalischen Traditionen unseres Landes zeugen!
Joachim Stade
Disposition des Instrumentes:
Die Orgel hat folgende Register, die als unverändert original
anzusehen sind
(Reihenfolge auf den Laden):
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Hauptwerk C - f''' |
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Oberwerk C - f''' |
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Pedal C - d' |
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1. Principal * |
8' |
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1. Principal
* |
4' |
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1. Posaunenbaß |
16' |
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2. Quintatöne |
16' |
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2. Flaute trav. |
8' |
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2. Octavenbaß |
8' |
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3. Hohlflöte |
8' |
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3. Kleingedackt |
8' |
|
3. Violon |
16' |
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4. Violadigamba |
8' |
|
4. Spitzflöte |
4' |
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4. Subbaß |
16' |
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5. Grobgedackt |
8' |
|
5. Nachthorn |
4' |
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6. Hohlflöte |
4' |
|
6. Octave |
2' |
|
Manualkoppel |
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7. Octave |
4' |
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7. Salicional
** |
8' |
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Pedalkoppel |
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8. Octave |
2' |
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Englische Schwebung
(Tremul.) |
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9. Mixtur 4 f'. |
2' |
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2 Glockenaccorde
(Cymbelsterne ohne Stern) |
| 10. Cymbel 3 f. |
1/2' |
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* - (rekonstruiert, Originalpfeifen im I.Weltkrieg
abgegeben)
** - (wurde später von Knauf ergänzt, bis dahin eventuell freier
Stock)
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Zur Geschichte der
Orgel:
Die Kirche von Wahlwinkel erhielt erst relativ spät eine Orgel. Am
15. Jan. 1699 wurde ein Contrakt geschlossen „...mit Christian
Rothen..., so zu Friedrichroda wohnhafft, daß er für 120 thlr....ein
OrgelWerck verfertigen solle...“ mit 8 Registern, Tremulant
und Cymbelstern.
Am 27. Juli 1700 ergeht eine Mahnung, daß er das Werk unverzüglich
fertigstellen soll. Roth wird als kränklicher Mann beschrieben,
der keine Bürgschaft geben könne. Er soll bereits 74 Taler
erhalten haben.
[Thür. Staatsarchiv Gotha, Oberkonsistorium
Amt Tenneberg Nr. 324]
Im Jahre 1781 ist die Orgel dann für 16 Taler vom Hoforgelmacher
Langenhan repariert worden, hierfür erhielt die Gemeinde einen
Zuschuß von 6 Talern.
[Thür. Staatsarchiv Gotha, Oberkonsistorium
Amt Tenneberg Nr. 328]
In einem Schreiben vom 4.März 1828 ersucht die Gemeinde Wahlwinkel
beim Oberkonsistorium um die Erlaubnis eine neue Orgel bauen zu
dürfen. Es ist von einer Erweiterung der Kirche die Rede, so daß
die alte Orgel nicht mehr ausreichend sei.
Den Auftrag erhielten die Gebrüder Hesse aus Dachwig, damals wohl
die bedeutendste Firma unserer Region. Die Orgel kostet 800 Taler,
abzüglich 20 Taler für die Überlassung des alten Werkes. Außerdem
übernahm die Gemeinde die Beköstigung der beiden Orgelmacher und
ihrer Gesellen für ca. 4-5 Monate. Es ist eine beachtenswerte
Leistung, daß die kleine Gemeinde die ganze Summe für diese
relativ große Orgel selbst aufbrachte und keinerlei Zuschuß
erhielt!
Am 22.Juni 1829 erfolgt die Meldung, daß die Orgel von
Musikdirektor Müller und dem Organisten des Erfurter Domes, Herrn
Gleiz abgenommen wurde.
[Thür. Staatsarchiv Gotha, Oberkonsistorium
Amt Tenneberg Nr. 332]
In den Akten fand sich zwar bislang weder der ursprüngliche
Vertrag, noch das Kostenangebot, jedoch eine Begutachtung des
letzteren von Joh. August Walther aus Gotha.
Aus dieser läßt sich entnehmen, daß im Hauptwerk statt der
Hohlflöte 4' eine Quinte 3' geplant war [„...ganz unnütze und
schädliche Stimme..“]. Außerdem wünscht sich Walther, daß drei
Sperrventile angefertigt werden und in jedem Manualwerk eine
Schleife mehr gebaut wird, um später noch Register ergänzen zu
können. Dies alles wird von Hesse zugesagt.
Die Sperrventile sind nicht zur Ausführung gekommen, jedoch wurde
offensichtlich im Oberwerk eine Registerschleife zusätzlich
gebaut. Nur so ist zu erklären, daß das Salicional 8' ganz hinten
steht. Der Registerzug wurde irreführender Weise mit „M -
Gemshorn 8' “ bezeichnet.
Das Salicional wurde vermutlich relativ bald ergänzt, zumindest
noch im 19. Jahrhundert. Es ist somit als integrierter Bestandteil
der Originalsubstanz zu betrachten.
Ende des vorigen oder zu Beginn dieses Jahrhunderts muß eine
umfassende Überholung der Orgel stattgefunden haben. Bei dieser
Gelegenheit wurde statt der zwei Spanbälge ein Magazinbalg
eingebaut.
Außerdem änderte man die Tonhöhe der Orgel durch Verschiebung der
Klaviaturen im Spielschrank auf den heutigen Kammerton.

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