Orgel zu Kaltenlengsfeld


Restaurierung 2001...06

 

Zur Disposition der Orgel:
Es kann als Glücksfall gelten, wenn der Urzustand einer Orgel durch den Baukontrakt überliefert ist. Dennoch ist Vorsicht bei der Interpretation geboten, da häufig an dem Konzept noch während der Bauphase geändert wurde oder schlichtweg Schreibfehler Eingang gefunden haben. So auch in Kaltenlengsfeld:

Disposition der Neuen Orgel d. Contractus


Erstl. das HauptManual

Kommentar

Principal 8 Fuß von 12 löthigen Zinn  
Viola de Gamba 8 Fuß    
Quintathön 16 Fuß   im ersten Entwurf: Quintatön 8'
Spitz Floit 4 Fuß    
Quinta 3 Fuß    
Octav 2 Fuß    
Sesquialter 1 3/5 Fuß    
Mixtur 5fach 2 Fuß als c e g c' c''  
Trompete 8 Fuß    
Glocken Spiel 2 Octav   taucht im ersten Entwurf nicht auf,
wurde trotz Kontrakt nicht ausgeführt

Zweytens das Ander im Positiv

Kommentar

Principal 4 Fuß von obiger Legirung  
Floit Travers 8 Fuß von BirnBaumenHoltz  
Grobgedackt 8 Fuß von Holtz  
NachtHorn 4 Fuß    
Kleingedackt 4 Fuß    
Flachenet 2 Fuß    
Quinta 1 Fuß   im ersten Entwurf: 1 1/2 , richtig 1 1/3
Mixtur 3 fach 1 Fuß als c g c'  

Drittens das Pedal

 

PrincipalBass 8 Fuß    
SubBass 16 Fuß    
PosaunenBass 16 Fuß    
ViolonBass 16 Fuß    

Extra Züge oder Register

 

ManualCoppel von dem unter Clavier in das Positiv
PedalCoppel von dem Pedal in das unterManual

In beiden Dispositionen fehlt das Register Grobgedack 8' im Hauptwerk, welches aber beim Orgelbau ausgeführt wurde und noch heute existiert. Insofern kann auch nicht ausgeschlossen werden, daß dieses Register fälschlich ins Rückpositiv geschrieben wurde. Damit stellt sich dann aber die Frage, welches Register ursprünglich im Rückpositiv stand und 1806 gegen die Vox humana 8' ausgetauscht wurde. Denkbar wäre natürlich auch das damals ein Pfeifenstock unbesetzt blieb. Auch die von Theodor Kühn 1902 überlieferte Disposition hilft hier nicht weiter:

Kostenangebot von Theodor Kühn / Schmiedefeld (vorgefundene Disposition):

Principal 8’ Gedeckt 8’ Violon 16’
Quintatön 16’   Flöte 8’   Subbaß 16’
Hohlflöte 8’   Vox humana 8’   Posaune baß 16’
Gedeckt 8’   Octave 4’   Octavenbaß 8’
Gambe 8’   Gedeckt 4’   ---  
Octave 4’   Waldflöte 4’   Manualkoppel  
Spitzflöte 4’   Flageolet 2’   Pedalkoppel  
Octave 2’   Cympel 1’ 3fach   Calkantenzug  
Sexquialter 1 2/3’(!)            
Mixtur 1’ 3fach            

Tontraktur zum RückpositivSie verzeichnet in beiden Manualen ein Gedeckt 8', was aber wiederum aus einem Schreibfehler resultieren muß, da hier nun im Rückpositiv die original erhaltene Quinte 1 1/2' fehlt. Gedackt und Vox humana können auch nicht gleichzeitig in diesem engen Gehäuse gestanden haben.
Eine Versetzung des Gedackt 8' im Jahre 1806 vom Rückpositiv ins Hauptwerk wurde ebenfalls in Erwägung gezogen, dies scheidet aber aus Platzgründen aus.
Somit muß die Frage des originalen zweiten 8'-Registers im Rückpositiv letztlich als ungeklärt betrachtet werden. Als für Rommel typische Besetzung des Nebenwerkes entschieden wir uns, entsprechend der Orgel in Wohlmuthausen, für eine Kopie des dortigen Quintatön 8'. Sollte sich nachträglich die Ansicht durchsetzen, daß es sich doch um ein Gedackt 8' handeln muß, so kann dieses Register relativ einfach durch höheres Aufschneiden hierzu umintoniert werden (andersherum ist dies nur durch aufwendiges Nachlöten möglich).
 

Die Quinte 3' des Hauptwerkes war vermutlich tatsächlich schon zur Octave 4' gerückt worden, möglicherweise ohne die fehlenden tiefen Pfeifen zu ergänzen (laut Gehäuseinschrift tat dies erst Gustav Kühn 1955). Außerdem war die Trompete 8' damals bereits gegen Hohlflöte 8' ausgetauscht worden, eine im 19.Jhd. durchaus typische Veränderung. Die Bezeichnung Cympel statt Mixtur meint das gleiche, original erhaltene Register.
 

Die Posaune 16' und die 1806 eingefügte Vox humana 8' sollen erst bei dem letzten Eingriff durch Firma Schüßler entfernt worden sein. Die Posaune 16' wurde von uns nach Wohlmuthausen rekonstruiert. Eine Rekonstruktion der Vox humana 8' wäre sicher auch eine denkbare und interessante Variante gewesen, leider gibt es hierfür keine authentischen Vorbilder, die in Betracht gekommen wären. Insofern wollten wir uns, statt eine Phantasievariante zu bauen, soweit möglich am gesicherten Wirken Johann Caspar Rommels orientieren.
 

Insgesamt läßt sich sagen, daß hier ein recht hoher Anteil der Register original erhalten ist und die fehlende Substanz überwiegend gesichert rekonstruiert werden konnte.
 
Der Balg aus den 60er Jahren Ventilkasten - Rückpositiv, vor der Restaurierung Spieltisch

Zur Geschichte der Orgel in Kaltenlengsfeld
Über den Neubau der Kaltenlengsfelder Orgel wurde im Juni 1755 mit Johann Caspar Rommel aus Roßdorf ein Kontrakt geschlossen. Im Frühjahr des Jahres 1757 sollte das Werk vollendet sein, vermutlich erfolgte die Fertigstellung aber nicht vor dem Sommer jenes Jahres.
Dieses Instrument war aber nicht die erste Orgel in Kaltenlengsfeld.
Im Jahre 1755 beklagt sich Johann Martin Voigt über die Vorgängerorgel und den Orgelmacher Obermüller in Meiningen, von dem das Werk „vor etlichen 40 Jahren erhandelt wurde“.
Es dürfte also um 1715 eine bereits gebrauchte Orgel angeschafft worden sein.
Diese war einmanualig, mit 6 Registern im Manual (3 Register von Metall, Rest von Holz) und Subbaß im Pedal.
Detail einer Holzpfeife mit dem Schriftzug RommelsWie wir aus einer Eingabe an das Consistorium in Meiningen vom 15. Januar 1755 erfahren,
wurde „Anno 1721 die Kirche von Neuen gebaut“ und das „....gleichwohl aber die Orgel keinen Heller werth....“ war und das „.....dieses Orgelwerck seith 30 jahren schon mehr als 200 t zu repariren gekostet und ist und bleibt davon ohngeachtet fort und fort unbrauchbar. Es hat sich dahero die Gemeinde resotriret, ein Neues Orgelwerck durch den Roßdorfer Orgelmacher Rommeln verfertigen zu lassen, und zwar in Consideration deß von ihm gemachten Orgelwercks zu [.....?] welches von verständigen approbiret und gelobet wird,......“
 

Erhalten blieb der Kontrakt mit Rommel, dem auch die auszuführende Disposition beiliegt.
Außerdem gibt es noch eine älteren Entwurf mit kleinen Abweichungen. Abgesehen von den oft anzutreffenden Schreibfehlern bei Dispositionen muß es auch bei der Ausführung noch Differenzen zum Vertrag gegeben haben.

Der Kontrakt soll hier im vollen Wortlaut wiedergegeben werden:
„Im Nahmen Gottes ist unterm heutigen Dato zwischen hiesiger Gemeinde Kaltenlengsfeld an Einem, und dem OrgelMacher H. Johann Caspar Rommel von Roßdorff am andern theil nachfolgender Orgel Contract biß auf aprobation und genehmhaltung Hochfürstl. Consitorii verabredet geschlossen und getroffen worden.

1. Verspricht besagter Orgel Macher sich, taugliches wohlklingendes, aus 22 nachfolgender Disposition benannten und von guten Engl. Zinn Metall und dauerhafftem Holtz versprochene Register binnen 1 ¾ Jahren Complet dar zu stellen.
2. Zwey vollständige Clavier von Elffenbein , die Semitonien aber von Schwartzem EbenHoltz beschalet werden.
3. Vier Stück Windladen von guten Eichenen wie auch andern Holtz welches gut und standhafft ist, zu verfertigen.
4. Vier Bälge jeden 8 Schu lang und 5 breit welche an beyden Enden mit Verdoppellung und oben mit starcken aufgeschraubten Creutzen versehen, anbey mit (Ferds Flechsen ?) in den Gelencken wohl und gut zu verwahren.
5. Die ClavierSchrauben, abstracturen, FentilFedern, wie auch die WellenStifte alles von Messing
6. Sollen beyde Principal von 12 löthigen Zinn, die anderen Register aber von Metall als 2 theil Bley und 1 theil Zinn verfertiget werden.
7. Verspricht er alle darzu erforderliche Materialien als zum gantzen Werck, Zinn, Bley, Holtz, Breten, Bohlen, Messing, Glöcklein, in gleichen vor die Bildhauerarbeit zu stehen, auch alle Schlößerarbeit, an Schlößern und Bändern, und in Summa, alles was zu diesen OrgelWerck gehöret, auf seine Costen anschaffen und verfertigen zu lassen, auch Zeit seines lebens in Stimmung und reparatur ohne entgeld zu erhalten.

Wann nun Vorgedachter OrgelMacher diese Orgel versprochener maßen tüchtig und gut dargestellt, so verspricht erwehnte Gemeinde Ihme darvor zu bezahlen 500 Rthlr. Neml.
  50 t. jetzo gleich paar zur Angabe 1755  
  50 t. Petri oder Waldburgis 1756  
100 t. Waldburgis 1757  
100 t. Waldburgis 1758  
100 t. Waldburgis 1759  
100 t. Waldburgis 1760  
100 t. Waldburgis 1761  
600 t. oder 500 Rthlr  

2. Verspricht ihm die Gemeinde das alte Werck über obige 500 Rthlr. drein zu geben, und ihm solches nach Roßdorff, das Neue Werk aber welches er in seinem Hause zu machen hat, von Roßdorff hirher zu schaffen.
3. Verspricht ihm die Gemeinde, wenn er das Orgel Werck aufsetzet, jede Nachbar exclusive Witben einen Tag die Cost vor ihn und seine beysich habende leuthe zu geben.
4. hat ihn die Gemeinde solange er daran aufsetzet frey Quartir und Betten vor sich und seine leuthe zu schaffen.
5. Hat die Gemeinde das EisenWerck und Schmidtarbeit so außerlich Zur befestigung des Wercks erfordert wird zu schaffen, und machen zu laßen, auch die Lager, und Verwahrung der Bälge frey zu besorgen.

Urkundlich haben beyde theile alle Exceptionis und Ausflüchte sie mögen Nehmen wie sie wollen wohl bedächtl. renunciiret, diesen Contract unterschrieben, und dem Hoch Fürstl. Consistorio Zur Confirmation Unterthänigst übergeben,

So geschehen Kaltenlengsfeld, den 25. Juny 1755
Johann Caspar Rommel, Orgelmacher
Johann Reinhard von Neßen (?), Schultheiß
Hanß Ludwig Lenbart (?), Kircheninspectores
Peter Breuttigam,
Johan Adam Limpart Vorsteher“


Tastenfront mit den Initialen J.C. RommelsRommel bekam also das alte Orgelwerk zur Verwertung überlassen. Die neue Orgel mußte er einschließlich Bilhauer- und Schlosserarbeit und allen Materialien liefern. Dies heißt allerdings nicht, daß alle diese Arbeiten auch in seiner Werkstatt ausgeführt wurden. Einiges spricht dafür, daß auch die Zimmermannsarbeit (Orgelgestell) vor Ort von einheimischen Handwerkern erledigt wurde. Eine ungewöhnliche Forderung ist die lebenslange Pflege und Stimmung der Orgel ohne weitere Gegenleistung. Andererseits gibt es eine Rechnung von 1795, daß:
„...dem Orgelmacher Rommel zu Roßdorff die Ausbesserung der Orgel zu Kaltenlengsfeld für 24 rthlr. und unter der Bedingung, dass die Bälge nach Roßdorff in seine Wohnung gebracht werden, veraccordiret worden ist“. Offensichtlich hat man dies nach nunmehr 40 Jahren nicht mehr so eng gesehen.
 

Vom 29.April 1757 datiert ein Schreiben von Johann Reinhard von Neßen, Schultheiß.
Danach soll die Orgel im nächsten Sommer aufgestellt werden. Außerdem geht es um die „...ohnumgänglich nöthiger Erhöhung des Schwibbogens in der Kirche, wovor der Maurer Zwölf Thaler fordert....“.
 

Die erste Veränderung der Orgel ist am 13. August 1802 dokumentiert, der Orgelmacher Horn (aus Schwallungen) soll eine Reparatur ausführen und ein neues Register Vox humana einbauen.
Da ein zusätzliches Register nicht ohne weiteres eingebaut werden kann, ist von einem Austausch gegen ein anders Register auszugehen.
Ausgeführt wurde dies wohl erst später, da erst die Rechnung von 1806/07 einen Betrag von
13 thlr. 16 gl. für Orgelreparatur ausweist.
 

Im Jahre 1842 erfolgt eine Aufforderungen an den Pfarrer, die Reparatur der Orgel durch einen Sachkundigen prüfen zu lassen. Es ist also eine vorausgegangene Orgelreparatur anzunehmen, näheres ist nicht bekannt.
 

Seitenfüllung des RückpositivesAm 18. Oktober 1896 wird ein Pflegevertrag über jährlich 14 Mark mit dem Orgelbauer Christoph Müller aus Oberneubrunn (Hildburghausen) abgeschlossen, nach dem dieser für die Reparatur der Bälge (Neubelederung der Keilbälge und Wasserschäden) und die Stimmung der Orgel im gleichen Jahr 90 Mark erhalten hat.
Doch bereits drei Jahre später, im Jahre 1899 ergeht die Aufforderung des Kirchenamtes Wasungen, Schritte zur Ausbesserung der Orgel einzuleiten.
Dies scheint dann erst nach 1902 erfolgt zu sein, jedoch nicht nach dem Kostenangebot von Theodor Kühn / Schmiedefeld. Wäre dies geschehen, dann wäre das Rückpositiv der Orgel heute nicht mehr vorhanden. Interessant an diesem Angebot ist vor allem die Niederschrift des vorgefundenen Zustandes, der wiederum frühere Veränderungen belegt.
 

Wie überall in Deutschland mußten 1917 die Prospektpfeifen aus Zinn für Kriegszwecke abgegeben werden. Der weitere Werdegang ist durch Gehäuseinschriften belegt:
„diese Orgel wurde abgetragen, neue Prospektpfeifen, Gamba 8', elektr. Gebläse, Klaviaturen eingebaut
Gebrüder Hoffmann, Orgelbaumeister Ostheim v.d. Rhön 1938 „


„1955 gereinigt, Pfeifen ergänzt, in Mixtur Oktave 4' tiefe Oktave wieder eingebaut
Gustav Kühn, Orgelbaumeister Schleusingen
Ernst Frosch, Werkmeister“


Eine weitere Instandsetzung wurde durch Firma Schüßler aus Greiz vorgenommen.
Hierbei wurde der Winddruck der Orgel stark abgesenkt.


Quellen:
Staatsarchiv Meiningen:
Staatsministerium
Abt. IV: Kirchen- und Schulsachen :
Nr.2978:
Acta Consistorialia das Kaltenlengsfelder neue Orgelwerk betreffend. 1755/1757
Nr.2981:
Acta Consistorialia die Reparatur der Orgel zu Kaltenlengsfeld betr. 1807
Pfarrarchiv Oefpershausen (im Pfarrhaus):
Bausachen (Kirche Kaltenlengsfeld) A IV 1
Fach III/c
Rechnung mit Belegen der Kirchkasse Kaltenlengsfeld