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Zur Restaurierung der Orgel:
Orgeln sind Musikinstrumente mit mechanischer Funktionsweise. Wie jedes
mechanische Werk leiden sie an Materialalterung und unterliegen dem
natürlichen Verschleiß. Nach Jahrzehnten der zuverlässigen Funktion
stellen sich zunehmend Mängel ein. Durch regelmäßige Wartung und Pflege
läßt sich dieser Prozeß zwar verzögern, jedoch nicht verhindern.
Vergleicht man eine Orgel mit den sonstigen Produkten unserer heutigen
Gesellschaft, so ist ihr ja schon eine überaus lange Lebensdauer
beschieden. Ein Alter von mehreren Jahrhunderten erreicht so ein
Instrument aber letztlich auch nur durch mehr oder weniger umfangreiche
Instandsetzungsmaßnahmen im Abstand von etwa 50 – 100 Jahren.
Somit hat ein historisches Orgelwerk mit der Zeit eine eigene
Geschichte. Diese ist nicht nur durch Reparaturen unterschiedlichen
Ausmaßes geprägt. Da eine Orgel als Kunstwerk auch immer dem
Zeitgeschmack unterliegt, waren Reparaturen oft auch Anlaß für
Veränderungen, die das Instrument den jeweiligen klanglichen und
technischen Vorstellungen anpassen sollten. Häufig waren technische
Mängel auch Anlaß, ein altes, als nicht mehr zeitgemäß empfundenes
Instrument abzureißen, und das um so eher, als Geld für einen Neubau
vorhanden war. So sind gerade in den Städten die großen, alten Werke
fast alle verloren gegangen. Die meisten interessanten Orgeln der
Barockzeit findet man daher in Dörfern ärmerer Regionen, abseits der
großen Metropolen.
In der Vergangenheit war es selbstverständlich, daß ein Orgelbauer so
arbeitete, wie es zu seiner Zeit üblich war. Umbauten des 19.Jhd. Wurden
eben so ausgeführt, wie man im 19. Jhd. Orgeln neu baute. Diese führten
kaum zu erheblichen Stilbrüchen, da sich dieses Handwerk im Laufe der
Jahrhunderte langsam entwickelte und solche Veränderungen heute nur von
geschulten Augen wahrgenommen werden. Erst mit der Industrialisierung
kam es allmählich zu einem Wandel. Auch im Orgelbau wurden neue Systeme
erprobt, gleichzeitig setzte sich zunehmend die manufakturmäßige
Fertigung von Teilen und ganzen Orgeln durch. Diese Instrumente von
meist bester handwerklicher und klanglicher Qualität wurden nach dem
zweiten Weltkrieg abschätzig als „Fabrikorgeln“ bezeichnet. Einerseits
begann nun eine Rückbesinnung auf die ganz anderen Eigenschaften und
Qualitäten der barocken Orgeln von Silbermann und Schnittger,
andererseits zogen die Merkmale der Moderne in dieses altehrwürdige
Handwerk ein. Dies zeigte sich wesentlich an den verwendeten
Materialien, wie Aluminium, Kunststoffe, Filze, Sperrholz, Verbund- und
Spanplatten. Zwar gab man vor, dem Klangideal der barocken Meister
nachzuspüren, doch wurde alles, was sich in Jahrhunderten an Erfahrungen
angesammelt hatte über Bord geworfen und man beschritt neue, oft recht
extreme Wege. In den Altbundesländern führte dieser Trend durch die
Finanzkraft des „Wirtschaftswunders“ zum fast vollständigen Verlust
unveränderter Orgeln.
Daß Orgelwerke tatsächlich als Denkmalobjekte wahrgenommen werden, die
es nach entsprechenden Grundsätzen zu bewahren gilt, ist eine
Entwicklung, die sich relativ konsequent erst in den letzten beiden
Jahrzehnte vollzogen hat. Eine Lehre aus dieser Entwicklung ist, daß nur
der Erbauungszustand oder, wie man heute sagt, ein früherer, in sich
geschlossener Zustand, einen langfristigen Schutz vor immer wieder
aufkommenden Wünschen nach Umbauten darstellt.
Bei der Orgel in Floh haben wir die erfreuliche Situation, daß trotz
einiger Veränderungen im Laufe der Geschichte die wesentlichen Teile des
alten Werkes erhalten blieben. Gefertigt wurde es von dem hessischen
Orgelbauer Johann Markus Oestreich aus Oberbimbach, die Übergabe
erfolgte im Jahre 1789.
Die ersten Veränderungen fanden 1852 statt und gehen auf den
ortsansässigen Orgelbauer Friedrich Hilpert zurück. Er nahm einen
Umbau der Trakturen vor. Dabei wurde der Anschluß der Manuale
ausgetauscht, so daß nun das Hauptwerk, wie üblich, der unteren
Klaviatur zugeordnet ist. Außerdem ergänzte er ein Register im Oberwerk.
Dort war von Oestreich eine Registerschleife zur späteren Besetzung
vorgesehen. Hilpert fügte eine Flauto dolce 4', also eine zarte Flöte,
die eine Oktave höher als die Normallage erklingt, ein.
Wie bei den meisten Orgeln brachte der Erste Weltkrieg den Verlust der
Prospektpfeifen mit sich, die für Rüstungszwecke eingeschmolzen wurden.
Hierdurch gingen zwei Register Oestreichs verloren. Nach dem Krieg
wurden sie wegen eines Gesetzes zur Beschränkung des Zinneinsatzes durch
Pfeifen aus Zink ersetzt.
Die nächsten Arbeiten führte Wiegand Helfenbein aus Gotha im Jahre 1939
durch. Er entfernte die Keilbalganlage, die unter der Orgel auf der
ersten Empore aufgestellt war. Stattdessen stellte er einen Magazinbalg
mit Schöpfgebläse neben der Orgel auf und baute ein Elektrogebläse ein,
so daß der Wind nicht mehr durch einen Bälgetreter (Calcant) erzeugt
werden mußte.
Weitere Veränderungen wurden durch Fa. Schüßler aus Greiz in den
Jahren 1960/61 vorgenommen. Wiederum wurde die Traktur verändert,
mit dem Ziel eine leichtere Spielbarkeit zu erreichen. Da die
tatsächlichen Verhältnisse vermutlich nicht richtig eingeschätzt wurden,
brachte dieser Eingriff leider nicht das gewünschte Ergebnis, obwohl
gleichzeitig auch noch der Winddruck der Orgel deutlich abgesenkt wurde.
Die verwendeten Materialien, wie Sperrholz und Kunstleder waren
zeittypisch, stellen aber in einer klassischen Orgel eher einen
Fremdkörper dar. Das Metallpfeifenwerk wurde durchgängig um ca. einen
Halbton angelängt und mit Stimmrollen versehen. Das bis dahin erhaltene
Register Trompete 8' wurde leider ersatzlos entfernt und vernichtet,
lediglich einige Becher blieben erhalten und wurden später als
Dekoration im Treppenhaus der Kirche ausgestellt.
Gemessen an den Umbauten an anderen Orgeln sind diese Eingriffe
insgesamt noch eher als gering zu bezeichnen. Nahezu unverändert
erhalten blieben das Gehäuse und Tragwerk, die Windladen, die
Spielanlage, die Registertraktur und 23 von insgesamt 26 Registern. Von
der Tontraktur blieben Teile erhalten, lediglich die originale
Balganlage ging völlig verloren.
Alle sonstigen Arbeiten im Laufe der Geschichte stellen mehr oder
weniger Pflegemaßnahmen dar, die nicht zu einer Veränderung der Substanz
führten.
Zu nennen wären noch Instandsetzungsarbeiten, die durch uns, zunächst
noch unter der Fa. Böhm (Gotha) im Jahre 1985 und dann
unter eigener Firma durchgeführt wurden. Trotz dessen verschlechterte
sich der Zustand der Orgel weiter. Nach über 200 Jahren war der
Zeitpunkt gekommen, der eine gründliche Überarbeitung der Windladen als
Grundlage für eine sichere Funktion und eine alle Teile umfassende
Restaurierung erforderlich machte.
Am Anfang der Überlegungen zu dieser Restaurierung stand die Frage nach
der Konzeption, die nur in Zusammenhang mit der Erforschung der
Baugeschichte verantwortlich festzulegen ist. Bekannt war bis dahin
nicht einmal der Erbauer des Instrumentes. In der Literatur wurde die
Orgel deutlich älter eingestuft. Hiergegen sprach allerdings schon das
Zierwerk, welches eindeutig der Zeit des Rokoko zuzuordnen ist. Bereits
aufgrund stilistischer Merkmale des Werkes ordnete ich diese Orgel der
Werkstatt Oestreich in Oberbimbach zu, ein diesbezügliches Aktenstudium
war mir aber im Zuge der Angebotserstellung nicht möglich. Dieses wurde
dann in erfreulicher Weise und vorbildlich durch Herrn Erbe aus Floh
durchgeführt. Dabei wurde nicht nur der Erbauer und das Baujahr
ermittelt, sondern auch die weitere Geschichte und das Wirken des
Orgelbauers Hilpert recherchiert und wieder ans Licht geholt.
(Ab hier steht der Artikel auch auf der
Hauptseite:)
Aufgrund der Baugeschichte und des Befundes wurde die Orgel im
Wesentlichen auf den Zustand, den Hilpert hinterlassen hat, restauriert.
Eine Rekonstruktion der Keilbalganlage schied schon aus Kostengründen
aus. Die Rückführung der Manualzuordnung (mit dem Hauptwerk als oberes
Manual) erschien nicht unbedingt erstrebenswert, zumal von den
originalen Trakturteilen und der ursprünglichen Manualkoppel kein
Bestand mehr existierte, wohl aber die Koppelanlage Hilperts. Dem
ergänzten Register des Oberwerkes kommt selbst Denkmalwert zu, es gehört
zu den wenigen Zeugnissen des ortsansässigen Orgelbauers.
Dennoch ist das Instrument eindeutig als Oestereich-Orgel anzusprechen,
die Veränderungen Hilperts haben keine andersartige Prägung der Substanz
gebracht.
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Schwerpunkt unserer Tätigkeit war die Restaurierung und Konservierung
der wertvollen, originalen Substanz. Vor allem die Windladen erforderten
besondere Aufmerksamkeit. Sie sind große Massivholzkästen aus Eiche, auf
denen alle Pfeifen stehen und die dafür verantwortlich sind, daß jede
Pfeife den richtigen Windzustrom erhält. Das Hauptproblem bei der
Restaurierung liegt bereits in der Bauweise begründet: ein großer Rahmen
(Gitterrost) ist mit Massivholz zugespundet. Das führt wegen des
unterschiedlichen Arbeitens des Holzes in Quer- und Längsrichtung zu
Rissen, die, je nach Holzfeuchte, den Wind mehr oder weniger
verschleichen lassen. Dadurch verstimmen sich die Pfeifen, sprechen
nicht mehr richtig an oder erklingen gar unaufgefordert, was besonders
störend ist. Um diese Risse verleimen zu können, müssen die Windladen
völlig demontiert und anschließend neu beledert werden. Außerdem waren
dabei alle Ventile neu zu beledern, Metallstifte und Schrauben aus Holz
zu erneuern. Unpassende, moderne Bauteile und Werkstoffe wurden dabei
historisch gerecht ersetzt.
Auch die Ton- und Registertrakturen (mechanische Verbindungen zwischen
Spielanlage und Windladen) wurden völlig zerlegt, die Wellen gängig
gem acht, Holzärmchen ersetzt und die Abstrakten neu eingedrahtet. Fast
alle Lagerstellen waren durch Fa. Schüssler ausgetucht worden, ein
Verfahren zur Geräuschdämpfung, welches sich bei Orgeln langfristig
nicht bewährt hat und insbesondere bei historischen Instrumenten
abzulehnen ist. Nachdem alle Schäden beseitigt waren, erfolgte die
Montage und Justierung der mechanischen Elemente.
Bei den Klaviaturen wurden die Lagerstellen ausgebuchst und die Tasten
neu eingepaßt. Durchgespielte Untertastenbeläge wurden mit passendem
Ebenholz erneuert, ebenso die verlorengegangenen Tastenfronten.
Am Gehäuse wurden die Verschlüsse wieder gängig gemacht und Schäden am
Holz, insbesondere durch elektrische Einbauten, retuschiert. Die
Farbfassung wurde durch die Farbrestauratorin Frau Jünger gereinigt,
retuschiert und ergänzt.
Der Magazinbalg wurde lediglich repariert, zur besseren Zugänglichkeit
zum Werk wurde er etwas zur Treppe versetzt und mit einem neuen
Verschlag versehen. Zur Winderzeugung wurde ein neues Schleudergebläse
angeschafft und in einem schalldämmenden Schutzkasten aufgestellt.
Die dünnwandigen Pfeifen aus
einer relativ weichen Legierung zeigten
starke Verformungen, hier mußte ausgerundet und stabilisiert werden. Die Anlängungen durch Schüssler waren durch Stimmrollen zerschnitten und
wurden von uns generell erneuert, um das Pfeifenwerk wieder, wie
ursprünglich, glatt auf Länge zu schneiden. Dies erfordert zwar einen
erheblich höheren Arbeitsaufwand beim Stimmen, verbessert aber den Klang
und die Stimmhaltung deutlich.
Die beiden Prospektregister wurden rekonstruiert, dabei wurde versucht,
den ursprünglichen Pfeifenverlauf und die Mensuren wieder herzustellen.
Außerdem mußte das Register Trompete 8' mit den erhaltenen Bechern
rekonstruiert werden. Vorbild war hierbei die vermutlich einzige
erhaltene Trompete aus der Werkstatt Oestereich, in NiederMoos in
Hessen.
Nach der technischen Montage wurden alle Register sorgfältig
nachintoniert (das ist die Tongebung jeder einzelnen Pfeife) und durch
Abschneiden auf die richtige Tonhöhe gestimmt. Der Stimmton ist nun
wieder in der Nähe der ursprünglichen Höhe, einen halben Ton über der
heutigen „Normstimmung“ von a' = 440 Hz. Passend zur Bauzeit der Orgel
wurde auch keine ganz gleichstufige Stimmtemperatur gelegt. Die
Abstimmung der 12 Halbtöne der Oktave wurde „wohltemperiert“
vorgenommen, einige gebräuchliche Tonarten klingen hier reiner und damit
wohlklingender als bei der sonst gebräuchlichen gleichstufigen Stimmung.
Der Preis dafür ist der unreinere Klang anderer, entlegener Tonarten.
Die Gemeinde Floh hat nun ihr wertvolles Orgelwerk wieder in einem
würdigen Zustand, der nicht nur zur Begleitung der Gottesdienste
geeignet ist, sondern auch für Konzerte genutzt werden kann. Es zeugt
von der künstlerischen Beherrschung eines vielseitigen Handwerks und dem
hohen Stellenwert der Kirchenmusik in den vergangenen Jahrhunderten.
Ich bin mir sicher, daß diese Orgel zu einem Anziehungspunkt für
Orgelfreunde aus nah und fern wird, die Fachleute, Organisten und Laien
begeistert. Möge sie noch lange zum Lobe Gottes und zur Freude der
Gemeinde erklingen!
Joachim Stade
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